Leserunden » Leserunde VII: "Arme Leute" von Dieter Paul Rudolp
| Bio-Fan | Leserunde VII: "Arme Leute" von Dieter Paul Rudolp | 24.10.2009, 08:21 Uhr |
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Hallo, liebe Mitlese-Rundlinge In der letzten Leserunde hat Mechtild Borrmann uns mitten in eine kleine Stadt geführt. Ob nun Kleve am Niederrhein oder, um mal den großen Meister des Horrors Stephen King zu bemühen, eine Kleinstadt in den USA (Needful things), kleine Städte scheinen auf Schriftsteller jeglicher Couleur eine beachtliche Faszination auszuüben. Kann sich doch hinter den Fassaden der Beschaulichkeit Erstaunliches, Empörendes, ja sogar Bedrohliches verbergen. "Arme Leute", der 2. Krimi aus der Feder von Dieter Paul Rudolph, spielt in einer kleinen Stadt im Saarland. Blieskastel, der Geburtsort des Autors, könnte aufgrund seines barocken Flairs durchaus der Schauplatz eines Regionalkrimis werden, aber es geht in "Arme Leute" nicht um den Ort -der könnte auch anderswo sein- , nicht um Lokalkolorit, nein, es geht um die Menschen, die dort leben. Alles arme Leute ? Dieter Paul Rudolph mit seinem Kürzel dpr ist vielen sicherlich bekannt. Wem nicht, der lese die Kurzbiographie in unserem Autorenverzeichnis, eine ausführlichere habe ich trotz intensiver Suche nicht gefunden. Aber bei meiner Recherche hat sich mir dprs beachtenswertes Engagement für eine deutsche Krimikultur noch mehr erschlossen. Aber hier wollen wir nicht den Krimifachmann beäugen, sondern den Krimiautor. Nach "Menschenfreunde" (Shayol 2008) folgt recht schnell mit "Arme Leute" dprs 2. Krimi. Warum das so rasch ging, wird er uns im Anschluss an diese Einleitung erklären. Jetzt erst einmal der zeitliche Ablauf dieser Leserunde mit folgender Einteilung: 26.10 - 29.10 Kapitel I "Der Ohrabschneider" 31.10 - 02.11. Kapitel II "Das Flittchen" 04.11.- 06.11. Kapitel III "Der Idiot" Die Diskussionen sollten sich konzentrieren auf den jeweils letzten Lesetag und den Pausentag. Die Allgemeinheit sei wie immer vor S P O I L E R in diesem Thread gewarnt. Genug der Vorrede. Ich wünsche uns viel Spaß. LG Bio . |
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| Bio-Fan | AW: Leserunde VII: "Arme Leute" von Dieter Paul Rudolp | 24.10.2009, 08:29 Uhr |
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Boah, wie peinlich In der Titelzeile habe ich das h unterschlagen. Ich hoffe, der Lars kann das korrigieren . |
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| d.p.r. | AW: Leserunde VII: "Arme Leute" von Dieter Paul Rudolp | 24.10.2009, 09:20 Uhr |
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Arme Leute – oder Das Krimischreiben als Achterbahnfahrt Ein Privatdetektiv aus Hessen kommt ins kleine saarländische Städtchen B. Er möchte dort bei einem Kollegen einen neuen Job antreten, doch leider – der Kollege ist verschwunden. Die freundliche Nachbarin verschafft ihm Zugang zum Haus. Woran hat der so plötzlich Verschwundene gearbeitet? Und was ist ihm widerfahren? So beginnt mein Krimi "Arme Leute" in der Erstfassung von 2004. Die Leser des Buches werden erstaunt sein, denn dort gibt es weder einen hessischen noch einen saarländischen Detektiv, verschwunden ist auch niemand – nur die freundliche Nachbarin ist übrig geblieben... Was ist passiert? Damals, 2004, schien mir dieser Einstieg eine tragfähige Idee zu sein. Im Hinterkopf brütete zudem etwas, ein "Vergehen gegen die Genregesetze" sozusagen, wir wollen es im Folgenden den "Faktor X" nennen. Ich begann zu schreiben. Viel schneller, viel flüssiger als sonst. Statt den üblichen zwei Seiten am Tag waren es plötzlich 10, 12... und nach drei Tagen und etwa 35 Seiten war Schluss. Ende. Nichts ging mehr. Die Story verlief sich irgendwie und irgendwo, ich legte ein kleines Päuschen ein, setzte wieder an, aber die Sache war hoffnungslos. Okay. Die Geschichte kam auf Wiedervorlage, im ungünstigsten Fall am Sanktnimmerleinstag. Etwa ein Jahr später bekam ich einen meiner sporadischen und natürlich am Ende hoffnungslosen Anfälle, ein wenig Ordnung in meine angesammelten Papiere zu bringen. Dabei fiel mir ein Flugblatt der örtlichen Jusos in die Hände. Es stammt aus dem Jahr 1981 und macht Stimmung gegen ein geplantes Großereignis in unserem Städtchen. Unser Städtchen, muss man wissen, gilt als barocke Perle. Im 18. Jahrhundert siedelten sich hier die Reichsgrafen von der Leyen an und errichteten etliche Bauwerke, die sich über die Jahrhunderte erhalten haben. Nur das Schloss gibt es leider nicht mehr, das haben die Franzosen abgefackelt. Legendär wurde vor allem die Reichsgräfin Marianne von der Leyen. Sie hatte nach dem frühen Tod ihres Mannes die Regentschaft übernommen, musste jedoch 1792 vor – schon wieder – den Franzosen fliehen. Sie wohnte fortan in Frankfurt, starb dort und wurde in der Pfarrkirche im hessischen Heusenstamm beigesetzt. 1981 nun gründete sich ein "Freundeskreis Marianne von der Leyen" und setzte sich zum Ziel, die sterblichen Überreste der Reichsgräfin aus Heusenstamm nach B. zu überführen und in der Krypta der hiesigen Schlosskirche beizusetzen. Das fanden nun die Jusos ziemlich doof, aber die feierliche Umbettung der alten Knochen konnten sie dennoch nicht verhindern. Das war's! Der fehlende Plot für die beiseite gelegte Geschichte! Und einen Titel hatte ich auch schon: "Alte Knochen". Einen hessischen Detektiv brauchte ich nicht mehr, der saarländische genügte. Und natürlich die freundliche Nachbarin... Und das winzige Haus, in dem sie wohnt (das Haus meiner Großeltern mütterlicherseits; wie die dort mit sieben Kindern wohnen konnten, ist mir heute noch ein Rätsel...).Und der geheimnisvolle Faktor X... Nur leider: Es wurde wieder nichts. Ich verlegte die Handlungszeit aus dem Jahr 1981 in die Gegenwart. Die Umbettung wird vorbereitet und dann... ja, was dann? Ich schrieb ein, zwei Kapitel und musste dann feststellen: Es lief schon wieder nicht. Also erneut auf Wiedervorlage bis zum nächsten Geistesblitz. Der kam Monate später und eigentlich völlig ohne Anlass. Van Gogh hatte sich ein Ohr abgeschnitten, wie man weiß. Was wäre nun, wenn jemand anderes einem Maler ein Ohr abschneiden würde? Bei einer Ausstellungseröffnung etwa. Ein junges Mädchen mit langen blonden Haaren, als Engel verkleidet. Unser Detektiv ist zufällig anwesend, kann die Tat nicht mehr verhindern, aber wird ihr interessehalber nachgehen. Als Einstieg in einen Roman kommt so etwas Spektakuläres wie ein abgeschnittenes Ohr immer gut. Tja... muss ich wirklich erwähnen, dass auch dieser Versuch ziemlich trostlos endete? Ich hatte einen Detektiv, eine freundliche Nachbarin, ein junges Mädchen, einen Faktor X, ein abgeschnittenes Ohr, eine feierliche Umbettung alter Knochen – aber ich hatte keine Geschichte. Also weg mit dem Zeug. Statt dessen begann ich mit dem Roman "Menschenfreunde", bei dem alles ganz anders lief. Ein paar Skizzen, und dann gings los. Jeden Tag 2 Seiten, nach vier Monaten war das Ding fertig und wurde zu meinem Krimidebüt. An die "alten Knochen" würde ich mich wohl nicht mehr herantrauen. Jetzt kommen zwei reizende Damen ins Spiel. Ich mag reizende Damen, aber das heißt nicht, dass ich immer ihren Ratschlägen folge. Bei diesen beiden handelte es sich jedoch um Kolleginnen... ach was, um KRIMIGIGANTINNEN. Mit der einen, Astrid Paprotta, hatte ich mich schon über die Möglichkeiten des Perspektivwechsels und der subjektiven Sicht des Erzählers ausgetauscht, denn darin ist sie nun einmal eine Meisterin. Die andere Dame, Pieke Biermann, ist längst "klassisch" geworden. Wer ihre Kriminalromane nicht kennt, kennt die deutsche Kriminalliteratur nicht. Pieke nun gab mir den Rat, es doch einmal mit der Ich-Perspektive zu versuchen. Das und die Unterhaltungen mit Astrid über subjektive Erzählweisen brachte nun völlig überraschend den großen Umschwung in Sachen "Alte Knochen". Plötzlich stand mir die Geschichte deutlich vor Augen, die einzelnen Elemente, die sich bislang nicht hatten fügen wollten, ergänzten sich plötzlich wie die Stücke eines Puzzles. Ich begann zu schreiben... Aber irgend etwas fehlte immer noch... Der mysteriöse Faktor X kam ins Spiel. Ganz nett, aber man müsste die Sache noch weitertreiben. Wenn man schon angebliche Regeln bricht, dann aber richtig. Da fiel mir eine Nebenperson ein, die von der ersten Anfängen an durch den Roman gegeistert war. Eine skurrile Person und eigentlich zu nichts nütze... Oder doch? Als auch hier der Groschen fiel, war der Roman so gut wie fertig, er musste nur noch geschrieben werden. Und würde auch nicht mehr "Alte Knochen", sondern "Arme Leute" heißen. Die Niederschrift dauerte wieder etwa 4 Monate, aber die werte Leserschaft weiß nun, dass so ein Roman sehr viel länger dauern kann. Und dass nicht immer nur eitel Sonnenschein herrscht. Man muss dranbleiben, das Ding irgendwie im Kopf behalten. Man muss Ideen sammeln, abwägen, miteinander in Verbindung bringen, man muss sich über die Sprache, die Dramaturgie Gedanken machen, denn ohne Sprache ist der beste Plot nichts. Dann wird's vielleicht was. – Aber was? Das entscheiden die LeserInnen. Hoffentlich recken sie am Ende dieser Leserunde den Daumen in die Höhe... Viel Spaß beim Lesen vorab... dpr |
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| Bio-Fan | AW: Leserunde VII: "Arme Leute" von Dieter Paul Rudolp | 24.10.2009, 10:13 Uhr |
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Schriftstellers Freud´und Leid kennt man meist nur vom Hörensagen. Wenn in einem Roman z.B. der begnadete Autor vor dem leeren Blatt in seiner Schreibmaschine (heutzutage eher der PC) sitzt und die zündende Idee nicht kommen will. Und dann der Super-GAU - die Schreibblockade. Wir Leser ereifern uns ja gerne, wenn in einem Krimi etwas nicht stimmig ist oder die rechte Spannung fehlt, vergessen dabei wie viel Arbeit und Zeit in einer Geschichte stecken. . |
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| Federfrau | AW: Leserunde VII: "Arme Leute" von Dieter Paul Rudolp | 24.10.2009, 16:21 Uhr |
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die armen leute liegen rechtzeitig auf dem tisch - und dprs schilderung über die geburtswehen eines krimischreibers liest sich sehr vergnüglich. dann steht ja dem lesevergnügen nichts mehr im wege Altern ist nichts für Feiglinge (Mae West) |
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| tschwantzer | AW: Leserunde VII: "Arme Leute" von Dieter Paul Rudolp | 24.10.2009, 17:53 Uhr |
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Nach einigen Runden, die ich hatte pausieren müssen, kann ich von Glück sagen, noch rechtzeitig auf diesen Thread gestossen zu sein. Habe den Roman erstmal per I-Net geordert und mir DANACH erst den Rest durchgelesen. Das Buch wird wohl erst Dienstag bei mir eintreffen, doch bin ich sicher, es bis zur ersten Deadline mit dem ersten Abschnitt zu schaffen.
"Nothing right in the left brain, nothing left in the right brain " |
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| Quentin | AW: Leserunde VII: "Arme Leute" von Dieter Paul Rudolp | 24.10.2009, 20:00 Uhr |
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Ich konnte das Buch heute bei dem Buchhändler meines Vertrauens abholen. Freue mich schon, denn es ist die erste Leserunde, bei der ich mit mache |
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| Parduc | AW: Leserunde VII: "Arme Leute" von Dieter Paul Rudolp | 25.10.2009, 10:58 Uhr |
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Buch ist gestern eingetroffen-kann losgehen |
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| Alysande | AW: Leserunde VII: "Arme Leute" von Dieter Paul Rudolp | 25.10.2009, 10:59 Uhr |
| Ich schleiche auch schon um das Buch herum und freu mich, wenn ich es morgen endlich anfangen kann. Vielen Dank an dpr für die für uns vergnügliche, für ihn vielleicht mühsame Vorgeschichte. | ||
| om-ela | AW: Leserunde VII: "Arme Leute" von Dieter Paul Rudolp | 25.10.2009, 14:56 Uhr |
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schade, dank meines urlaubes kann ich leider nicht dran teilnehmen. werde die leserunde aber mit freudiger erwartung verfolgen "der zyniker ist ein mensch, der sich beim duft von blumen nach dem sarg umsieht." - h.l. mencken - |
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